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Der schönste Kleingarten des Nordens: Lübeck.

Es dauert etwas bis ich den Mund wieder zu bekomme und die Schnappatmung nachlässt. Wo, bitte, bin ich hier gelandet? Ein Blumenmeer empfängt mich, mitten drin ein Teich samt Steg und Liege. Weiter hinten reichen sich Pflaumen- und Birnenbaum in luftiger Höhe die Hände, zwei Lauben stehen sich dialogbereit gegenüber und so ganz beiläufig rosten noch einige Kunstwerke sympathisch in den Beeten vor sich hin. Tja, was soll ich sagen? Herzlich willkommen auf der Landesgartschau!

Hanne’s Green

Was in Neubrandenburg durch vier Parzellen ohne künstliche Grenzen gelang, wurde nun in Lübeck mittels zwei nebeneinander liegender Parzellen zur Perfektion getrieben: ein 1000m² großer Parkgarten. Gradlinige Wegeführung, ein im Rhythmus der Jahreszeiten symphoniertes Blütenspektakel und viel viel Symetrie sind einige der Zutaten für dieses “Ich-bin-dann-mal-weg”-Lebensgefühl inmitten einer insgesamt doch eher old-school anmutenden Schrebergartenanlage.

Hannes Garten hat weder Strom noch fließend Wasser. Der Teich beispielsweise wird durch ein Rohrsystem mit dem Regenwasser des Laubendaches versorgt. Auch sonst wird sämtliches Regenwasser aufgefangen und genutzt. Nichts verlässt den Garten! Selbst der Inhalt des stillen Örtchens nicht, denn es handelt sich um eine Komposttoilette.

Auf der Nutzfläche, ebenfalls eine komplette Parzelle umfassend, war an Gemüse und Kohl fast alles zu finden was das Gärtnerherz im August begehrt. Selbst auf einem Hügelbeet hatten es sich Tomaten gemütlich gemacht. Zur Nachbarparzelle hin noch allerlei Beerensträucher und ein großes selbstgebautes Insektenhotel, das diese Bezeichung auch verdient. Das Wort Selbstversorgung machte sich so langsam aber sicher in meinem Gehirn breit.

Dass sich neben der zweiten Laube (der Arbeitslaube), welche als Atelier, Honighaus, Einmachbude und Küche fungiert, noch Bienenbeuten befinden und Hanne imkert, muss ich wohl nicht extra ewähnen …

Von der Laube in den Garten

Die andere Laube, die Wohnlaube, war innen fast komplett in weiß gehalten. Es gab wenig Krims-Krams, Spielereien oder gar Dekokitsch. Klare Designsprache war angesagt … wenig Ablenkung für die Augen. Ein im ersten Eindruck ziemlicher Kontrast zu dem, was man sah wenn man den Blick aus dem Fenster schweifen ließ.

Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen! Denn viele der eben genannten Attribute treffen auch auf den Garten zu. Er ist eine Abhandlung, die streng logischen Gesetzen und Betrachtungsweisen folgt. Das ist an sich nichts Schlimmes. Johann Sebastian Bach klingt ja auch hervorragend, obwohl es sich dabei eigentlich um Mathematik handelt.

Für mich wurde so allerdings ausgerechnet die Wohnlaube der Ort, an dem ich begann den Garten zu verstehen … und der Ort, an dem mir zum zweiten Mal die Luft wegblieb. Diesmal fühlte es sich aber an wie eine zu eng gebundene Krawatte … oder überhaupt wie eine Krawatte … ach was, ich hasse Krawatten!

Hanne hat einen Plan und setzt diesen konsequent um. Gradlinig und mit enorm viel Wissen. Hier ist der Garten keine Chillout-Area, sondern ein Großprojekt, in und mit dem man lebt … eine Lebensphilosophie.

My Reality

Tja, so stehst du da nun etwas verloren in diesem wunderschönen Garten. An alles ist gedacht, du wirst einige Ideen mitnehmen und in deinem Garten umsetzen. Und dennoch macht der Garten innerlich erstaunlich wenig mit Dir. Alter, was geht?

Noch heute, über einen Monat nach den Dreharbeiten, ist mir das rätselhaft. Ich glaube es war mir einfach zu viel … der Ordnung. Zudem hatte das, was ich sah, mit der Realität der meisten KleingärtnerInnen recht wenig gemein. Dafür musste ich nur in die Nachbargärten schauen.

Die Sendung heißt “Der schönste Kleingarten des Nordens”. Der schönste Garten? Bisher ja! Ein Kleingarten? Nein! Denn real betrachtet, werden nur sehr wenige Menschen einen solchen Garten bewirtschaften können. Schon rein zeitlich nicht.

Vielleicht spielt aber auch etwas Neid eine Rolle, den ich mir nicht eingestehen mag. Ach, keine Ahnung …

Klar ist: Hanne hat sich ihre eigene kleine Welt erschaffen. Sie ist die unangefochtene Herrscherin über Hanne’s Green. Wie sie beim Dreh an der Zähmung des widerspenstigen Hofnarrs Philipp verzweifelte, war eine göttliche Komödie in mindestens drei Akten.

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